Montag, 6. Dezember 2021

 

État des Choses x Fri-Son x PADOU

Für die Gestaltung der Poster- und Postkartenserie der Saison 2021-2022 haben wir uns mit État des Choses und dem wunderbaren Fotografen und Videasten PADOU verbündet; gemeinsam erarbeiten wir die Themen, welche Padou visuell umsetzt. In langen Gesprächen unterhalten wir uns darüber, was uns mit Künstler:innen verbindet, welche tausende von Kilometern und tausende von Jahren entfernt leben und gelebt haben. Wir unterhalten uns über die verbindende Kraft der Kunst und der Musik, als Ausdruck davon, was wir sind: Menschenkinder.

Edition No°2 - Ulayya bint al-Mahdi (777-825 n.Chr., Baghdad)

Ulayya bint al-Mahdi war eine abbasidische Prinzessin, bekannt für ihr Schaffen als Dichterin, Musikerin und Komponistin. Der Grossteil ihrer Gedichte besteht aus kurzen Stücken, welche zu Musik gesungen vorgetragen wurden.
Obgleich verheiratet, hatte Ulayya bint al-Mahdi verschiedene Liebhaber, darunter auch Männer, welche als Sklaven am Hof lebten. Mehrere ihrer Liebesgedichte sind dann auch ihren Geliebten gewidmet - man stelle sich den Skandal vor! Wie ihr Bruder davon Wind bekam, verbot man ihr, die Namen ihrer Geliebten zu erwähnen. Ulayya beugte sich dem Willen ihres Bruders - und verwendete fortan weibliche Namen in ihren Gedichten. In der Überlieferung wird ihr auch eine Liebe zum Wein nachgesagt, den sie allerdings nur während ihrer Periode trank mit der Begründung, dass Frauen während ihrer Periode sowieso nicht beten dürften - ob wahr oder nicht, Ulayya scheint eine Frau mit pragmatischem und nicht minder grossem Sinn für Freiheit gewesen zu sein.
Ulayya bint al-Mahdis Gedicht der Sehnsucht nach einem Freiheitsort, welcher ihr erlaubte, den Name ihrer Liebe auszurufen, wurde zur Basis dieses zweiten von Padou gestalteten Artworks:

كَتَمتُ اِسمَ الحَبيبِ عَنِ العِبادِ
وَرَدَّدتُ الصَبابَةَ في فُؤادي
فَوا شَوقي إِلى نادٍ خَلِيٍّ
لَعَلّي بِاِسمِ مَن أَهوى أُنادي

Den Namen meines Geliebten verbarg ich vor den Menschen
Seine Liebe im Herzen wiederholend
Wie sehr verlangt es mir nach einem leeren Ort,
Um meiner Liebe Namen auszurufen

In Padous Worten

In einem leeren Raum möchte ich den Namen meines / meiner Liebsten herausschreien. In einem Ort wo mich niemand hören kann, in einem Ort den es vielleicht nicht gibt, aber den ich mir ersehne.
Der Himmel, dachte ich mir, der Himmel ist des Menschen grösste Sehnsucht, ein perfekter Ort, unsterblich, vollkommen und menschenleer.
Wie eine Maschine denke ich diesen einen Namen, ihn immer und immer und immer wiederholden. Durch die Liebe selbst werde ich zur Maschine: in der Wiederholung der Emotionen, in der Wiederholung der Sehnsüchte, wie ein Drucker der ständig denselben Namen ausspuckt. Es ist kein schlechtes Gefühl, « au contraire »: ein schwebendes, ein subtiles und süsses « je ne sais quoi » welches, wie Zuckerwatte die Lippen liebkost um plötzlich auf der Zunge zu verschwinden.
Eine Vollkommenheit in der Unvollkommenheit, eine idealisierte Sehnsucht, die es so nicht gibt, die dennoch existiert.
Kann man Wolken fangen?